Deutsche Wochen 2026 · 30. Oktober bis 1. November
Wie verbindet sich die Geschichte der Tongji-Universität mit einem Bergdorf im Süden Zhejiangs? Dieser Frage gingen vom 30. Oktober bis zum 1. November 2026 insgesamt 33 Studierende bei einer Exkursion nach Jingning nach: 27 aus der deutschen Teilnehmergruppe und sechs chinesische Studierende. Im Rahmen der Deutschen Wochen führte die Reise zu historischen Dörfern, zur Kultur der She und zu den Spuren des deutschen Tongji-Professors Hans Stübel. Vorträge, Museumsbesuche und persönliche Begegnungen eröffneten dabei unterschiedliche Zugänge zur Region.
Einen besonderen Höhepunkt bildete der eindrucksvolle Vortrag von Hu Chunchun von der Shanghai International Studies University. Er stellte einen Wissenschaftler vor, dessen Lebensweg außergewöhnlich eng mit China verbunden war: Stübel kam 1924 als Professor für Physiologie an die Tongji und blieb bis 1951 – insgesamt 27 Jahre. Damit widmete er China einen großen Teil seines Berufslebens – auch aus heutiger Sicht eine außergewöhnlich lange Zeit. Auch während des Krieges hielt er der Universität die Treue.
Als die Tongji 1937 vor dem japanischen Angriff aus Shanghai ins Landesinnere ausweichen musste, gehörte Stübel zu den wenigen deutschen Professoren, die sie begleiteten. Nach mehreren Zwischenstationen fand die Universität ab Herbst 1940 in Lizhuang bei Yibin in Sichuan Zuflucht. Stübel hielt ihr auch in diesen schwierigen Jahren die Treue und beteiligte sich nach der Rückkehr nach Shanghai 1946 am Wiederaufbau.
Neben der Medizin widmete sich Stübel der Ethnologie und Anthropologie. Seine Forschungsreisen führten ihn zu verschiedenen ethnischen Gruppen Chinas, darunter She, Yao, Miao und Li. Besonders bekannt wurde seine 1937 veröffentlichte Untersuchung über die Li auf Hainan. Das international rezipierte Werk gilt als grundlegender Beitrag zur Erforschung ihrer Lebenswelt. Seine detaillierte Verbindung von Beobachtungen, Fotografien und Beschreibungen des sozialen und materiellen Lebens ist zugleich über die Li-Forschung hinaus ein bemerkenswertes Beispiel ethnografischer Feldarbeit.
In Jingning wurde diese Forschungsgeschichte unmittelbar greifbar. Im Sommer 1929 hatten Stübel und sein chinesischer Mitautor Li Huamin sechs Tage im Haus des Dorfvorstehers Lan in Chimushan gewohnt. Ihre 1932 erschienene Studie dokumentierte unter anderem Wohnformen, Landwirtschaft, Kleidung, Familienleben und Sprache. Während des Besuchs erfuhren die Studierenden, welchen Stellenwert diese frühe Dokumentation bis heute für die Erforschung der She und die Erinnerung an ihre Kultur besitzt. In den Gesprächen vor Ort wurde auch eine mögliche Verbindung zur späteren Einrichtung des autonomen Kreises 1984 angesprochen. Sichtbar wurde vor allem, wie historische Forschung heute dazu beitragen kann, überliefertes Wissen und Bräuche zu bewahren.
Einen besonders persönlichen Zugang eröffnete der Urenkel des damaligen Dorfvorstehers. Er ließ die Gruppe in das alte Haus seines Urgroßvaters ein und führte sie durch die Räume, in denen Stübel und Li Huamin gelebt und gearbeitet hatten. Heute wohnt er einige hundert Meter weiter unten im Dorf. Das historische Haus gehört zum auf Provinzebene geschützten Ensemble der She-Wohnhäuser von Chimushan. Aus der Lektüre einer fast hundert Jahre alten Untersuchung wurde hier eine Begegnung mit einer Familie, die die Erinnerung an den damaligen Aufenthalt weiterträgt.
Den größeren Zusammenhang vermittelte der Besuch im She-Museum. Jingning ist Chinas einziger autonomer Kreis der She. Die Volkszählung von 2020 erfasste landesweit rund 746.000 Angehörige dieser ethnischen Gruppe; sie leben in mehreren Provinzen Süd- und Südostchinas, besonders in Fujian und Zhejiang. Ausstellungen zu ihrer Geschichte, Kleidung, Handwerkskunst und ihren Bräuchen ergänzten die Eindrücke aus den Dörfern. Die Gespräche mit Menschen vor Ort zeigten zugleich, wie diese Traditionen heute erinnert, gepflegt und weitergegeben werden.
Auch Xiongdai in der Gemeinde Jiadi bot zahlreiche Anknüpfungspunkte. Die Gruppe erkundete die überdachte Holzbrücke am alten Passweg nach Fujian, die Ahnenhalle der Familie Chen und das historische Schriftpapierhaus. Chen Haiping, Hochschullehrer an der Zhejiang International Studies University, erschloss der Gruppe Hintergründe seiner Heimatregion. Am Schriftpapierhaus erläuterte er die Tradition des „Jingxi Zizhi“: Beschriebene Blätter sollten aus Achtung vor Schrift und Bildung nicht achtlos weggeworfen, sondern gesammelt und gesondert verbrannt werden. Alte Bäume und die in die Berglandschaft eingebetteten Häuser ergänzten den Rundgang. Nach Auskunft der Gastgeber war es der erste Besuch einer ausländischen Gruppe im Dorf; lokale Medien berichteten darüber. Zur Exkursion gehörte auch die Herstellung traditioneller Mǐgāo: Beim gemeinsamen Stampfen von Reis durften die Studierenden selbst Hand anlegen und erleben, wie viel Kraft und Geschick die Herstellung der Reismasse erfordert.
Auch das regionale Handwerk kam nicht zu kurz: In einer Teewerkstatt in Dongnong erhielt die Gruppe Einblicke in die Verarbeitung des örtlichen Huiming-Tees.
Ein weiterer Besuch führte nach Luci, wo die Gruppe die Verehrung der Schutzgottheit Ma Xian kennenlernte. Die Ursprungshalle und die örtlichen Erläuterungen vermittelten Einblicke in eine religiöse Tradition, die sich über die Grenzen von Zhejiang und Fujian verbreitet hat. So verband die Exkursion die Geschichte eines deutschen Tongji-Professors mit den Lebensgeschichten und kulturellen Praktiken der Menschen vor Ort. Gerade das Zusammenspiel von wissenschaftlicher Einführung und persönlichen Begegnungen machte Jingning zu einer besonderen Station der Deutschen Wochen.

Referent Hu Chunchun von der Shanghai International Studies University stellt Hans Stübels Leben und Forschung vor.

Die Gruppe besucht das historische Haus in Chimushan, in dem Stübel und Li Huamin 1929 wohnten.

Unterwegs in Chimushan: Die Gruppe folgt dem Hangweg am Tor des She-Dorfes.

Im She-Museum ergänzen Ausstellungen und Erläuterungen die Begegnungen in den Dörfern.

Achtung vor Schrift und Bildung: Am historischen Schriftpapierhaus in Xiongdai lernte die Gruppe den Brauch kennen, beschriebene Blätter zu sammeln und gesondert zu verbrennen.

Selbst mit anpacken: Studierende stampfen Reis für traditionelle Mǐgāo.

In der Teewerkstatt in Dongnong erhält die Gruppe Einblicke in die Verarbeitung des regionalen Huiming-Tees.

Die Ma-Xian-Ursprungshalle in Luci vermittelt Einblicke in die örtliche religiöse Tradition.

Berglandschaft und dörfliche Bauformen prägten die Eindrücke der Exkursion.

Gemeinsame Erinnerungen an die Jingning-Exkursion im Rahmen der Deutschen Wochen 2026.
Deutsche Wochen 2026 · Jingning |